Sunday, April 20, 2014
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Eine „neuottomanische“ Türkei?

ANKARA: Die internationalen Medien sind heutzutage besessen von der Frage, wer die Türkei „verloren“ habe und was dieser vermeintliche Verlust für Europa und den Westen bedeutet. Alarmierender ist, dass einige Kommentatoren die Nachbarschaftspolitik der Türkei mit einem Wiedererwachen des ottomanischen Imperialismus gleichsetzen. Vor kurzem ging ein führender türkischer Leitartikler so weit, den türkischen Außenminister Ahmet Davutoğlu mit der Aussage zu zitieren, „wir sind in der Tat neuottomanisch.“

Als jemand, der dabei war, als Davutoğlu seine Rede vor der Parlamentsfraktion der regierenden türkischen Partei für Gerechtigkeit und Entwicklung (AKP) hielt, kann ich bezeugen, dass er diese Worte nicht benutzt hat. Tatsächlich verwenden weder Davutoğlu noch irgendjemand sonst von uns in der außenpolitischen Gemeinschaft der AKP diesen Begriff, weil er schlicht eine Verdrehung unserer Haltung darstellt.

Die Nachbarschaftspolitik der Türkei ist darauf ausgelegt, die Türkei wieder in ihre unmittelbaren Nachbarschaften zu integrieren: den Balkan, die Schwarzmeerregion, den Kaukasus, den Nahen Osten und den östlichen Mittelmeerraum. Wir verfolgen das Ziel, unseren politischen Dialog zu vertiefen, unseren Handel zu steigern und die zwischenmenschlichen Kontakte zu unseren Nachbarn in Form des Sports, Tourismus und der kulturellen Aktivitäten auszuweiten. Als Egon Bahr in den 1960er Jahren seine Ostpolitik formulierte, fragte niemand Will Brandt, ob Deutschland „verloren gegangen“ sei.

Gott hat der Türkei eine geografische Lage gegeben, die es zu einer grundlegenden Anforderung macht, dass wir uns nach Osten und Westen, Norden und Süden hin engagieren. Wir haben dabei weder eine Wahl, noch ist dies ein Luxus – es ist eine Notwendigkeit.

Das Symbol der byzantinischen und seldschukischen Reiche, die in etwa dasselbe Gebiet bedeckten wie heute die Türkei, war ein doppelköpfiger Adler, der nach Osten und Westen blickte. Es sollte niemanden erstaunen, dass auch die Türkei sich nach beiden Enden ihres Territoriums hin orientiert und dass sie glaubt, ihre Sicherheit ließe sich am besten konsolidieren, indem sie die Risiken gemeinsam mit ihren Nachbarn minimiert.

In sofern empfinden wir die aktuelle Debatte über die Orientierung der Türkei als recht überflüssig, und in einigen Fällen als böswillig. Unsere Nachbarschaftspolitik braucht Unterstützung, keine Kritik. Die Türkei hat sich zu einem unbezahlbaren Aktivposten im Gefüge der uns umgebenden Regionen entwickelt und ist schon jetzt dabei, den Status quo hin zu mehr Stabilität und Berechenbarkeit zu ändern. Unseren Bemühungen um eine Normalisierung der Beziehung zu Armenien etwa ist es bestimmt, einen Wandel im gesamten Südkaukasus herbeizuführen. Wir leisten unseren Teil, was die Übernahme der Lasten angeht. Vernünftige Europäer verstehen das.

Sicher, einige unserer Nachbarn sind schwierig. Aber kein Land genießt den Luxus, sich seine Nachbarn aussuchen zu können. Die Nachbarschaftspolitik der Türkei ist sehr realistisch und beruht auf genuinen Interessen, nicht romantischer neuottomanischer Verklärung, wie es mehr als nur ein paar internationale Kommentatoren suggerieren.

Es gibt durchaus eine neuottomanische Wiederbelebung im kulturellen Bereich, und unsere Bürger sind interessiert daran, Leben, Kultur und Praktiken der Ottomanen neu zu entdecken. Die Türkei normalisiert sich innenpolitisch und interpretiert dabei auch ihr nationalhistorisches Verständnis neu. Dies ist ein natürliches Nebenprodukt der Konsolidierung unserer Demokratie. Der Versuch jedoch, unseren sorgfältig konzipierten außenpolitischen Initiativen einen imperialistischen Anstrich zu verleihen, ist nicht nur eine völlige Verdrehung der Tatsachen, sondern fügt auch unseren wohlmeinenden Bemühungen zur Stabilisierung unserer Region grobes Unrecht zu.

In der römischen Mythologie war Janus der Gott der Türen und Tore, der Gott von Anfang und Ende. Die heutige Türkei mit ihrer janusartigen Geografie eröffnet dem Osten und dem Westen Türen und Tore. Sie bietet dem Kaukasus, der Schwarzmeerregion, dem Balkan und dem Mittelmeer Gelegenheiten vom Neuanfang und auch dazu, Dinge zu Abschluss zu bringen.

In dieser Eigenschaft komplementiert und unterstützt die Türkei einen einzigartigen Übergang zwischen anderweitig schwierigen Regionen, denn sie steht für jahrhundertealte Koexistenz und Anpassung. Die türkische Außenpolitik trägt zu diesem Aufeinanderzugehen bei und hilft ihren unmittelbaren Nachbarschaften, den Kontakt zueinander zu finden.

Anders als in jüngster Zeit behauptet, streben die Außenpolitiker der Türkei keine Wiederbelebung des Ottomanischen Reiches an. Stattdessen bemühen wir uns um eine historische Reintegration der Türkei in ihre unmittelbaren Nachbarschaften und korrigieren damit eine Anomalie aus der Zeit des Kalten Krieges. Eine derartige Reintegration würde der Europäischen Union und unseren anderen westlichen NATO-Verbündeten nur nützen. Keiner von ihnen hat daher einen Grund, Unbehagen über die Türkei zu äußern.

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